Zu Ostern

Liebe Gemeindeglieder,

 

und auch zu Ostern wieder einen Gruß aus der Friedenskirche mit guten Wünschen zum Osterfest und für die kommende Zeit.

Am Ostersonntag wird die Kirche offen sein, damit Ostern sich Bahn brechen kann!

Holen Sie sich also gern das Licht der Auferstehung nach Hause.

Und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand! (EG+37)

Bleiben Sie behütet und gesund!

Ihre  Birgit Reyher

 

 

 

 

 

An Ostern feiern wir den Neuanfang, den Gott seiner Welt, seinen Menschen schenkt.

In Zeiten wie diesen, die von Leid und Tod in nie dagewesenem Maß sprechen, ist die Botschaft vom Leben besonders wichtig.

Das Evangelium Mk 16, 1-8 spricht davon, dass die Frauen am Grab etwas finden, was sie gar nicht gesucht haben, was ihnen aber ganz neue Dimensionen und einen neuen Zugang zum Leben eröffnet:

‚Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden!‘

Der Zusammenhang von Sterben und Auferstehung Jesu steht auch im Zentrum der Epistel des Paulus in 1. Kor 15.

‚Der Herr ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden‘ – dieser Osterruf, der auf das 10. Jahrhundert zurückgeht, eröffnet das gottesdienstliche Feiern der Botschaft von der Auferstehung.

Die Hoffnung, nicht im Tod zu bleiben, formuliert auch der Psalm 118. Zum Osterpsalm wird er durch den V22, der schon früh auf Christus und auf sein Sterben und Auferstehen hin gedeutet wurde.

Die Lieder der Woche ‚Wir wollen alle fröhlich sein‘ (EG100) und ‚Er ist erstanden, Halleluja‘ (EG116) erzählen in knappen Zügen die Ostergeschichte und leiten an zum Jubel über Gottes Bekenntnis zum Leben.

 

Ostern 2020

Was werden wir wohl erzählen, wenn Kinder, Enkel, Urenkel in 20 oder 30 Jahre danach fragen, wie es damals war – an Ostern?

Dann werden wir erzählen, was war: dass der Osterurlaub ausfallen musste, weil die Flieger auf dem Boden blieben; dass die Familienbesuche untersagt waren, weil man den Kontakt zu den Alten für zu gefährlich gehalten hat; dass Kirchen, Synagogen und Moscheen geschlossen blieben in dieser Zeit, weil man sich nicht treffen sollte mit Freunden und Gleichgesinnten,…

Man wird erzählen von der Armseligkeit dieser Tage, in denen man auf all das verzichten musste, was so wichtig gewesen war und gewesen wäre. Und vielleicht wird man auch erzählen von den Erinnerungen an die Jahre vorher, als all das, was Ostern ausgemacht hat, noch selbstverständlich und unumstößlich schien.

Und dann wird man auch erzählen, dass es immerhin noch Osterhasen gab und Ostereier verschenkt wurden; und dass man sich in kleinen Hausgemeinschaften doch noch das Festessen genehmigt hat. Es war ja schließlich Frühling mit schönem Wetter und aufblühender Natur.

Aber: Ostern war eben anders! Traurig, einsam, auch irgendwie verunsichernd und verstörend, und man wusste nicht so recht, was man davon halten sollte. Ja, es soll sogar Leute geben haben, die das ganze Dilemma kurzerhand zusammengefasst haben in der trockenen Feststellung: Ostern fällt in diesem Jahr aus!

Ja, Ostern fällt aus!

Jedenfalls das, was wir aus Ostern gemacht haben – oder was wir für Ostern erklärt haben.

Es fällt alles Mögliche aus.

Aber: Ostern fällt nicht aus! Ostern fällt nie aus!

Ich möchte sogar die steile These aufstellen: es ist gut so, dass alles Mögliche ausfällt, damit wir wieder die Chance haben, zu entdecken.

Zu entdecken, wie damals am frühen Ostermorgen, als die Frauen sich auf den Weg gemacht haben, um das zu tun, was liegen geblieben ist vor dem großen Fest und was nun unbedingt nachgeholt werden musste.

Sie wollten nichts entdecken. Sie wollten nur das tun, was die Tradition vorgab und der Anstand verlangte. Vielleicht wollten sie noch die Hilfe der Rituale nutzen, um der persönlichen Trauer und Traurigkeit die verletzende Spitze zu nehmen. Es tat ihnen gut, etwas zu machen – wie es auch uns gut tut, in belastenden Situationen nicht in Lethargie zu verfallen, sondern mit den Händen zu arbeiten und die Gedanken ab- und umzulenken.

Und so machten sie sich auf den Weg.

Auf einen Weg, der schwierig war; auf einen Weg, der sie zu Verunsicherung und Entsetzen brachte; auf einen Weg, der Fragen aufwarf und auf dem in den Weg gerollte Steine plötzlich eine Neuausrichtung erzwangen.

Sie machten sich auf den Weg, der plötzlich anders wurde als erwartet und der nicht nach wenigen Stunden mit dem erreichten Ziel einfach aufhörte, nachdem die geplanten und tradierten Verhaltensweisen abgewickelt waren und man zur Tagesordnung übergehen konnte.

Es dauerte – bis sie –  und danach auch noch andere – merkten:

da ist etwas geschehen, was unseren Blick auf die Welt verändert.

Da ist etwas geschehen, was unser Leben verändert und den vordergründigen Gestaltungsmöglichkeiten und Handlungsnotwendigkeiten eine neue Dimension zufügt.

Ungeahnt – unwahrscheinlich – ungeheuer – unwiderstehlich.

 

Es dauerte. Es dauerte – bis es den Frauen und den Jüngern dämmerte.

Einige Wochen dauerte es, bis der Heilige Geist die Gedanken und Gefühle neu sortiert hatte und die Wahrheit des Ostermorgens für die Menschen zur Wirklichkeit ihres Lebens wurde.

Es dauerte, bis die Entdeckung der Auferstehung Jesu am Ostermorgen zur Auferstehung des Neuen im eigenen Leben wurde.

Es braucht eben Zeit, einen anderen Blick auf die Dinge zu lernen, die das Leben bestimmen.

Und es braucht den Schmerz des Abgebenmüssens, es braucht den Zorn des Weggenommen -Bekommens, es braucht die Bitterkeit des Verlustes.

Erst dann kann Neues werden.

Mitten in der Nacht, liegt der Anfang eines neuen Tages.

Und dann dämmert es, bis das Licht aufgeht.

 

 

Es braucht Zeit, bis es uns dämmert, dass das Licht aufgeht.

Das Licht des Ostermorgen will sich auch in unserem Leben (wieder) Bahn brechen.

Ostern fällt nicht aus in diesem Jahr. Nein!

Aber es fällt anders aus, als wir das gewohnt sind.

Es fällt anders aus – ohne all die liebgewonnenen Dinge, die uns jetzt fehlen.

Es fällt anders aus, weil es frei (oder zumindest freier) macht von all dem, was uns den Blick auf das Eigentliche verstellen kann.

Und es eröffnet uns damit ganz neue Möglichkeiten, die Wahrheit der Osterbotschaft zu entdecken, die Wirklichkeit einer neuen Existenz zu erkennen.

 

Wir sind schon dabei, die alten Werte des menschlichen Miteinanders neu zu entdecken: Rücksichtnahme und Respekt, Zurückhaltung und Verzicht, ein neues Füreinander und Miteinander, das von Liebe getragen ist.

Frühlingsblüten, die wie Botschafter eines neuen Lebensstils anmuten.

Ob es uns gelingt, dieses neue Saatgut Gottes zu kleinen, stetig wachsenden Pflänzchen zu kultivieren?

Ob sich in unserer Welt wohl wirklich etwas ändert, weil Ostern eben nicht ausfällt?

Ob sich in unserer Welt etwas ändert, weil Gott eben nicht bei der Sintflut stehen geblieben ist, sondern dem Regenbogen das Versprechen an die Seite gestellt hat: es soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht?

 

Unser Gott ist ein Gott des Lebens, der auch gegen den Tod aufsteht und Auferstehung schenken will.

Wie das geschieht, weiß niemand von uns. Auch die Frauen am Grab damals haben es nicht gesehen. Aber sie haben gespürt, dass da etwas geschehen ist, was ihr Leben in den Bann zieht und sie auf neue Wege führen will.

 

Das Licht des Lebens haben die Frauen damals im leeren Grab entdeckt.

Hell leuchtend wie ein Blitz, weiß wie der Schnee – so lesen wir im Evangelium.

Und auch die Dunkelheit der Grabeshöhle konnte der Strahlkraft keinen Abbruch tun, sodass sie Menschen in Bewegung setzte und das Geschehen von Ostern kleine, persönliche Auferstehungen wirklich und wahr werden ließ.

Das dürfen wir feiern – immer wieder neu – auch 2020!

 

In diesem Jahr wird die Osterkerze in der leeren Kirche brennen – wie das Licht in der Höhle damals. Die Tür ist auf. Der Weg ist frei.

Ostern fällt nicht aus!

Ich bin gespannt, auf welchen Weg mich das Osterlicht in diesem Jahr schickt, und wie es mir zeigt, dass auch in meinem Leben die alte Wahrheit zur neuen Wirklichkeit werden will und kann.

 

Wenn die Traditionen frag-würdig werden, gibt es Neues zu entdecken.

Ich finde es spannend, dass Ostern in diesem Jahr anders ausfällt, und ich will bereit sein, Neues zu entdecken und neue Wege gehen zu lernen.

Vermutlich wird es dau-au-au-ern……,  bis ich bereit bin, alte Verhaltensweisen abzulegen und liebgewonnene Traditionen aufzugeben – oder zumindest zu reduzieren.

Das wird weh tun.

Das wird mich auch zurückhaltend werden lassen –  wie damals die Jünger auch.

Denken wir nur an den ungläubigen Thomas, der sich mit seinem ausgeprägten Realismus erst mal vergewissern musste, ob das alles auch mit rechten Dingen zugeht.

Und vermutlich wird es immer wieder lange Wanderungen durch das Leben mit intensiven Gesprächen über das Geschehene brauchen wie bei denen, die nach Emmaus unterwegs waren.

Und sicher braucht es viel Zeit, bis der Heilige Geist auch in meinem Leben eine neue Seite aufschlägt – es könnten mehr als sieben Wochen werden.

 

Und doch merke ich, wie das Ostergeschehen gerade in diesem Jahr seine Botschaft neu entfaltet.

Und ich bin dankbar dafür, dass Ostern werden will – für mich, für dich, für uns alle – gerade auch in einer Zeit, die dem Leid in dieser Welt die Krone aufzusetzen scheint.

 

Ostern fällt in diesem Jahr anders aus als gewohnt– ja!

Aber: Ostern fällt nicht aus!

Ostern fällt nie aus!

Weil unser Gott ein Gott des Leben ist!

 

Und darum dürfen wir

miteinander und füreinander

allein oder zusammen

einstimmen in den alten Osterjubel (EG 99):

 

Christ ist erstanden von der Marter alle;

des soll’n wir alle froh sein,

Christ will unser Trost sein. Kyrieleis.

Wär er nicht erstanden,

so wär die Welt vergangen;

seit dass er erstanden ist,

so lobn wir den Vater Jesu Christ.

Kyrieleis.

Halleluja! Halleluja!

Des soll’n wir alle froh sein;

Christ will unser Trost sein.

Kyrieleis.

 

 

 

 

 

Allmächtiger, lebensschaffender Gott.

Dass Jesus nicht im Tod geblieben ist, zeigt uns, dass auch wir den Weg zum Leben finden dürfen.

Auch wenn vieles uns in diesen Tagen unsicher macht und zweifeln lässt, so bleibt doch deine Zusage, dass Du bei uns sein willst und bleiben wirst.

Lass die Botschaft von der Auferstehung deines Sohnes auch für uns zum Licht des Lebens werden, damit wir getrost und getröstet den Weg gehen können, der sich vor uns auftut.

Den Einsamen, den Kranken, den Suchenden und den Sterbenden sei du ein Gott der Begegnung und der Liebe, und lass auch uns immer wieder neu Möglichkeiten finden, die Botschaft deiner Liebe aufzuzeigen und zu leben.

Amen

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