Zum Karfreitag

Liebe Gemeindeglieder,

auch zum Karfreitag schicke ich Ihnen wieder liebe Grüße aus der Friedenskirchengemeinde.

Auch wenn wir uns nicht versammeln können, so sind wir doch miteinander verbunden im Gedenken an das Geschehen des Karfreitag.

Im Folgenden finden Sie ein paar Gedanken von mir, die Sie vielleicht wieder in Ihrer persönlichen Andacht unterstützen können.

Am Ostersonntag wird die Friedenskirche nach dem großen Ostergeläut  zur persönlichen Andacht geöffnet sein. In der Zeit von 10-12 Uhr wird die neue Osterkerze  brennen und die neu renovierte Orgel zu hören sein.

Sie sind eingeladen, sich das Osterlicht nach Hause zu holen.

Aber beachten Sie dabei bitte, dass wir uns nicht in Gruppen versammeln dürfen.

Und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand. (EG+37)

Alles Liebe, bleiben Sie behütet und gesund!

Ihre Birgit Reyher

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Der Karfreitag ist bis heute ein Feiertag, der uns alle in diesem Land zur Stille und zum Innehalten ruft.

Sein Name leitet sich vom althochdeutschen ‚kara‘ ab, was so viel wie ‚klagen‘ bedeutet.

Er mutet auch Nichtchristen zu, sich mit der Verwundbarkeit des Lebens auseinanderzusetzen. Insofern bekommt er als staatlicher Feiertag eine universelle Bedeutung. Als Tag, der dem Gedenken des Leidens von Menschen in unserer Zeit gewidmet ist, wird er wohl in diesem Jahr eine ganz eigene Bedeutung für viele Mitmenschen bekommen – gerade angesichts der vielen persönlichen und mitunter existentiellen Nöte, die die Corona-Krise uns abverlangt.

Die alttestamentliche Lesung aus dem Jesaja-Buch (Kap 52,13-53,12) und die Epistel des Paulus  in 2.Kor 5 (14b-18)19-21 gründen auf derselben Einsicht: es gibt Dinge im Leben, die wir selbst nicht wiedergutmachen können, sondern die nur Gott selbst zurechtbringen, sühnen kann. Diese Versöhnung ist es, die Jesus am Kreuz von Golgatha vollbracht hat. Davon erzählt das Evangelium des Tages in Joh 19,16-30.

Im Lied des Tages (EG 85,4) heißt es deshalb auch: Nun, was du, Herr, erduldet, ist alles meine Last; ich hab es selbst verschuldet, was du getragen hast.

Der Wochenspruch dieser Woche (Joh 3,16), den wir schon vom Palmsonntag kennen, ist auch dafür die Grundlage.

Karfreitag – ein Tag, der den Atem stocken lässt.

Wir hören auf die Geschichte, die diesem Tag seinen Namen gab. Im Johannesevangelium wird sie erzählt. Mit holzschnittartigen Formulierungen skizziert der Evangelist das Geschehen und eröffnet damit zugleich den Raum für die persönliche Begegnung.

Wir werden hineingenommen in das, was da geschieht – für mich – für jeden, der sich dem Geschehen öffnet, sich ihm aussetzt. Und das tut weh!

Hinhören, hinschauen, sich in die  Empathie hineingeben, dem Mitleiden verpflichten – das geht an die Grenze dessen, was uns dienlich scheinen mag. So ist es keine Wunder, dass dieser Tag von vielen Menschen leicht vergessen und verdrängt wird. Er verlangt viel von uns – gerade auch in einer Zeit, die von Individualismus geprägt ist, wo jedem immer alles (Gute) zusteht und das Leben einfach Spaß machen muss.  Da mag es verständlich scheinen, dass der Blick vorauseilen will auf das Erwartete und Kommende, das der momentanen Finsternis die Bedrängnis nimmt.

Lange Zeit stand der Karfreitag im Schatten von Ostern, ist vom Licht der Auferstehung aus dem Bewusstsein geschoben worden, hat an Schärfe und an Profil verloren. Er galt als „halber Feiertag“, sollte „in Maßen gehalten werden“, war in katholischer Tradition sogar lange Zeit ein gewöhnlicher Werktag. Und doch ist das Gedenken an Golgatha, an Leiden und Sterben Jesu Christi, das, was Ostern braucht, um zu sein. Die Botschaft von der Auferstehung unseres Herrn verliert ihre Wahrheit, wenn sie nicht gebunden bleibt an die existentielle Bedeutung des Sühnetodes Jesu Christi. Nur das Mysterium des Kreuzesgeschehens macht Ostern zu dem, was es ist; und erst wenn ich bereit bin einzutauchen in den Tod, kann ich auferstehen zu neuem Leben.

Wer sich darauf einlässt, kann nicht anders als aufgehen in dem Gehörten.  Er kann nicht anders als dem Aufschrei der eigenen Seele Raum und Klang geben. ‚Kara‘ – klagen – dem Schmerz der persönlichen Betroffenheit die Möglichkeit geben, auszubrechen  aus dem Inneren eins jeden Menschen, das ist es, was dem Tag seinen Namen gegeben hat.

So nähern wir uns dem, was diesen Tag bestimmt, und können mit Martin Luther und der mit ihm beginnenden Tradition den Karfreitag als den ‚Guten Freitag‘ verstehen. Das lateinische Wort ‚carus‘ – auf deutsch „lieb“ , „gut“ oder „teuer“ – mag hier Pate gestanden haben.

Es ist gut; ja, es tut gut, zu klagen. Wir alle kennen das aus dem eigenen Erleben um das Abschiednehmen von einem lieben Menschen. Wenn der Schmerz zu groß wird, wenn das Leiden unerträglich zu werden scheint, muss die Seele sich Luft verschaffen und die Klage aus sich herausschreien und -schwemmen. Dann fließen die Tränen, dann bebt meine Welt, und die unumstößlichen Sicherheiten bröckeln dahin wie zerrissene Felsen.

Karfreitag – das ist Gedenken an ein erschütterndes Geschehen von ungeahntem Ausmaß.

Und wenn die Klage verstummt, ist Stille. Eine Stille, die ausgehalten werden muss. Eine Stille, die fordert – mich ganz persönlich fordert. Eine Stille, von der ich vielleicht sogar das Gefühl habe, dass sie mich überfordert; dass ich ihr ausweichen will. Oder:  dass ich ihr nur mit der Sprache meiner Seele begegnen kann.

In der evangelischen Kirche hat sich der Karfreitag seit dem 19. Jahrhundert zum Tag der großen Kirchenmusik entwickelt. Der Nachmittag dieses Tages – gerade zum Zeitpunkt der Todesstunde (15 Uhr) und der Grablegung (17 Uhr) ist bei vielen Protestanten  dem Hören und Musizieren der großen Passionen von Johann Sebastian Bach gewidmet. So gewinnt das Gedenken Gestalt und nimmt mich in einer besonders emotionalen Weise mit auf den Weg in die Tiefe des Geschehens.

Was da geschieht, ist ein Geheimnis. Was da ins Werden gerufen wird, trägt die Zukunft in sich. Es hat etwas Jenseitiges, wenn der Himmel die Erde berührt. Dann hält die Welt den Atem an. Stillstand. Der „stille Freitag“ – er will, er muss ausgehalten werden.

Wer die Gottesdienste in der Friedenskirche am Karfreitag in den letzten Jahren besucht hat, der kennt die Tradition der liturgischen Gestaltung dieses Geschehens. Das Evangelium des Tages wird aus dem Johannesevangelium gelesen, und wir nähern uns bedächtig dem alles beschließenden Satz: er neigte sein Haupt – und verschied.

Pause

Dann verlöscht die Osterkerze; und alles verharrt in Stille und Regungslosigkeit.

Generalpause.

Das Leben bleibt stehen. Dieser Moment ist erschütternd. Immer wieder – auch wenn die Wiederholung der traditionellen Gestaltung ahnen lässt, was kommt. Immer wieder neu wird der Schrecken des Erlebens real, immer wieder neu wird die Erschütterung der Seele erlebbar.

Karfreitag geschieht. In mir. Für mich.

Es ist mein Karfreitag.

Und ich weiß, ich vertraue darauf, dass darin auch mein Ostern angelegt ist. Das ist es, was mich von den Jüngern damals unterscheidet. Und das ist es, was mich in die Fußstapfen Jesu treten lassen will, was mich zu seiner Nachfolgerin macht. Ich weiß vom Leben – auch wenn ich jetzt den Tod erleben und erleiden muss.

In Zeiten von Corona bekommt diese Gewissheit eine besondere Bedeutung. Wir erleben in diesen Tagen eine Entwicklung unserer Welt, die niemand auch nur erahnen kann und deren Ausgang für uns alle noch unvorstellbar bleiben muss. Eine unrealistische Stimmung liegt über dem Land; eine Mischung aus erzwungener Gelassenheit und einem „ängstlichem Harren der Kreatur“ (Rö 8, 19) bestimmt unsere Gedanken und Gefühle. Das Leben ist ausgebremst, erschüttert. Zerbrochen?

Wir nähern uns bedächtig…. Ja, was?

Wem oder was nähern wir uns? Dem Stillstand?

Oder dem, was darin schon angelegt ist? Dem Neuen? Dem Nie-Dagewesenen? Dem, was uns verheißen ist? Wie wird das sein? Was kommt?

Der Karfreitag bremst mich aus in meiner Bewegung in dieser Welt und ihren Gesetzmäßigkeiten und Gewohnheiten, wie ich sie bisher gekannt und gelebt habe.

Das geschieht in jedem Jahr, und das geschieht in diesem Jahr auch wieder.

Und  – da bin ich mir sicher: es geschieht ganz neu und ganz anders.

Karfreitag heißt Innehalten. Karfreitag bedeutet ausgebremst zu werden.

Und jetzt neu?: Karfreitag bedeutet Generalpause?

In der Sprache der Musik ist die Generalpause eine Unterbrechung in sämtlichen Stimmen eines Musikstücks zugleich. Ein generelles Schweigen, ein Innehalten, das im Fluss der Musik plötzlich und auffallend erscheint, und dessen Spannung einen kommenden Höhepunkt ankündigt.

Und in der Sprache der Welt: Das globale Konzertieren der Nationen verstummt im kollektiven Innehalten?

Karfreitag heißt Generalpause: Generalpause bedeutet Karfreitag?

Da mag es zuversichtlich klingen, wenn es heißt: Ist die Generalpause mit einer Fermate versehen, wird sie nicht verlängert, sondern verkürzt.

Dieses unscheinbare Zeichen eines kleinen Bogens über einem in der Mitte zentrierten Punkt kennzeichnet in der Musik ein Ruhezeichen, das auch als Aushaltezeichen verwendet wird und ein Innehalten in der Bewegung anzeigt:

„Bei der Fermate treffen wir uns wieder“, heißt es mitunter in Musikerkreisen, wenn das gemeinsame Musizieren durch unterschiedliche Tempi oder individuelle Interpretationen auseinander zu fallen droht.

So ähnlich scheint es mir zur Zeit in unserer Welt zuzugehen. Das Miteinander ist empfindlich ins Wanken geraten, die göttliche Ordnung droht verloren zu gehen. Die Folgen sind nicht absehbar, und manch einer mag da seinen persönlichen Karfreitag erleben.

Innehalten ist da angesagt, Aushalten: Generalpause. Fermate.

Hoffen wir darauf, dass hier níchts verlängert, sondern verkürzt wird.

Mich stimmt es nachdenklich, und ich weiß noch nicht, was ich davon halten soll:  in der traditionellen Sprache der Musik, im alten Italienisch, heißt dieses unscheinbare, aber dennoch ungeheuer effektive und ausdrucksstarke Musikzeichen  corona.

Am Karfreitag hat Gott in das Geschehen auf dieser Welt eingegriffen – damals vor etwa 2000 Jahren – hat sie zum Innehalten, zum Aushalten, zum Stillstand gebracht.

Daran will ich mich erinnern.

Und auch daran, dass noch viel früher derselbe Gott seinen Bogen in die Wolken gesetzt hat und dem Ausbremsen einen Neuanfang zugeordnet hat.

Das Bild vom Regenbogen – es gleicht dem der Fermate. Das möge kein Zufall sein.

Noah hat dem Wort Gottes darauf vertraut; Jesus hat sich dem Willen des Vaters gefügt.

Und ich?

Muss meinen Karfreitag aushalten, muss weinen und klagen und still werden.

Damit es gut werden kann.

Wenn unsere Augen keine Tränen hätten, hätte unsere Seele keinen Regenbogen.

Daran will ich mich festhalten – an und in meinem Karfreitag.

Gerade auch in diesen Corona-Zeiten.

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