Zu Sonntag Kantate

Liebe Gemeinde,

zum kommenden Sonntag hier noch einmal ein paar Anregungen zum Nachdenken.

Die neuesten Regelungen zu Corona haben ergeben, dass es vielleicht in naher Zukunft auch in der Friedenskirche wieder kleine Andachten oder Gottesdienste geben kann; die ersten Überlegungen dazu hat der Kirchenvorstand angestellt. In den kommenden Tagen werden dazu vermutlich Entscheidungen fallen, die dann ein neues Vorgehen ermöglichen könnten.

Für den 10. Mai bedeutet das aber erst einmal, dass die Kirche wieder in der Zeit von 10:00 bis 12:00 Uhr geöffnet sein wird – zur persönlichen Andacht mit Orgelmusik.

Und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand. (EG37+)

Liebe Grüße

Birgit Reyher

 

*********************************************************************************

Der Anfangsvers von Psalm 98 gibt den Ton an:

„Singet(cantate) dem Herrn ein neues Lied“.

 

In der Epistel (Kol 3, 12-17) werden die Christen als Auserwählte Gottes bezeichnet, die mit Psalmen und Lobgesängen Gott huldigen, weil er sie seine Liebe und den Frieden Christi spüren lässt. Diese Aufforderung klingt auch im Wochenlied an(EG302):

„Du meine Seele, singe, wohlauf und singe schön“.

Im Evangelium (Lk 19,37-40) nimmt Jesus sogar die (unbelebte?) Schöpfung mit hinein.

Von der heilsamen Wirkung der Musik erzählt die alttestamentliche Lesung (1.Sa16).

 

 

Wir feiern den Sonntag Kantate. Es ist der Sonntag, der der Musik, dem Singen gewidmet ist. Ein Sonntag, an dem traditionellerweise die Kirchenmusik eine ganz besondere Bedeutung und Stellung im Gottesdienst hat. In Zeiten von Corona, wo wir auf jegliches gemeinsame Singen und Blasen verzichten sollen, berührt es mich besonders, darüber nachzudenken.

Zunächst einmal deshalb, weil ich mir einen Gottesdienst ohne Singen nicht vorstellen kann und will. Das Singen gehört für mich so existentiell zum Gottesdienstfeiern dazu, dass ich mir ein schweigendes Nachsinnen am Sonntag Kantate eigentlich gar nicht antun will. Schnell stellt sich da so etwas wie Abwehr ein. Wenn die Töne aus mir herauswollen, ist das Schweigenmüssen eine Form von Knechtschaft und Strafe, der ich mich verweigere.

Und doch nimmt ein anderer Gedanke seinen Raum in mir ein, und ich entdecke, dass es etwas gibt, was wir mitunter mit den Worten „im Einklang sein“ beschreiben. Wenn ich mit mir, meinem Leben, mit meiner kleinen Welt, im Einklang bin, dann fühlt sich das manchmal so stimmig und rein an, dass es den Charakter einer Gotteserfahrung bekommt und meinem Erleben eine fast mystische Dimension verleiht.

Der Geigenbauer Martin Schleske – ein Meister seines Faches, bei dem die weltbesten Geiger ihre Instrumente kaufen – zieht Parallelen von seinem Metier zu dieser menschlichen Erfahrung des Im-Einklang-seins, und er beschreibt sie als eine Art Gotteserfahrung. Eine Geige besteht aus Saiten, die über einen hölzernen Resonanzkörper, den Korpus, gespannt werden. Streicht der Geiger mit dem Bogen über die Saiten, gerät der Korpus in Schwingungen, und die Töne der Geige erklingen. Der Mensch – so sagt Martin Schleske – ist auch so ein Resonanzkörper, in dem seine Lebensmelodie zum Klingen kommen kann. Darauf deutet schon das Wort Person hin, das von dem Lateinischen personare abgeleitet ist, was soviel bedeutet wie hindurchtönen oder hindurchklingen. In Einklang mit sich selbst kommt der Mensch, wenn sein Herz zu einem Resonanzkörper für Gott wird. Dann kann seine Lebensmelodie zum Klingen kommen. Für Martin Schleske liegt da die Würde eines jeden  Menschen verborgen, wo er sich auserwählt weiß, und Klangkörper für Gott sein kann.

Der Text, der uns für diesen Sonntag aufgegeben ist (2. Chr 5,2-14), erzählt davon, dass Menschen jenen geheimnisvollen Moment des Einklangs erleben als sie bei der Einweihung des Tempels musizieren und singen zur Ehre Gottes. Das gemeinsame, ein-stimmige Singen wird als Gegenwart Gottes wahrgenommen und mit den Erinnerungen an die Zeiten der Wüstenwanderung verbunden. Mit den Bildern einer alles umfassenden Wolke oder dem Bedecktwerden von den Fittichen der Cherubim, der Repräsentanten der Gottesgegenwart, nähert sich der Schreiber einer unbeschreiblichen Erfahrung des Inneren. Was davon nach außen dringt, mündet in die Beschreibung eines gewaltigen Konzert- und Klangerlebnisses von schier unsagbarem Ausmaß. Der Klang, der die Menschen umhüllt, wird erfahren als Resonanzraum Gottes, und jeder einzelne Musizierende erlebt sich selbst als Klangkörper für Gott. Was als akustisch hörbare Töne in die Welt dringt ist verbunden mit dem Schwingen und Klingen des Herzens im Inneren der Menschen. Im Einklang mit sich selbst, im Einklang mit den anderen und im Einklang mit Gott verbinden sich inneres und äußeres Geschehen und werden zu einem besonderen Moment. Geschenkt. Nicht gemacht – unverfügbar. Klang. Wolke. Geborgenheit unter Flügeln. Aufgehobensein.

Im Einklang sein – das kann man nicht machen, konstruieren, aufbauen. Aber man kann sich empfänglich dafür machen. Und vielleicht ist das gerade in Zeiten, in denen das musikalische Machen eines persönlichen Klingens untersagt ist, besonders nötig. Wenn ich selbst nicht klingen darf, kann ich doch dem Klingen in mir einen Raum geben, der von innen her durchlässig werden kann für die Erfahrung des Im-Einklang-Seins. Es könnte ein Anfang sein, damit zu rechnen, dass Gott sich in unserem Leben wahrnehmbar macht. Vielleicht gelingt das schon da, wo wir unseren geschäftigen Alltag immer mal wieder unterbrechen zum Stillsein und Lauschen, um ohne Anstrengung empfänglich und auf- und annahmebereit zu werden für das, was ich nicht errechnen und erzwingen kann. Vielleicht stellt sich dann so etwas ein wie das Gefühl, dass Einfach- da-sein in Ordnung ist, oder der Dank dafür, meinen Platz in Gottes großer Welt gefunden zu haben. Und wenn mir das dann in der Geschäftigkeit des Alltag wieder verloren geht, kann ich wieder neu damit beginnen, meinen Klangraum zu suchen und bereitzustellen.

Und noch etwas: dieses Empfänglich-machen kann einfach so geschehen, dass ich es für mich annehme, Klangkörper für Gott zu sein, sein zu dürfen. ER ist es, der mich geschaffen und mir das Leben eingehaucht hat. Er ist es auch, der meine Lebensmelodie zum Klingen bringen will. So wie der Geiger über die Saiten streicht, so versetzt Gott unsere Herzen in Schwingung.

Vielleicht ist es das, was wir in diesem Jahr am Sonntag Kantate verstärkt in den Blick nehmen können: dass nicht wir singen, sondern dass es in uns  singt; dass Gott unser Inneres zum Klingen bringen kann und damit ganz neue Lebenstöne, Lebenserfahrungen ermöglicht.

Auch das kann Corona sein, dass wir Neues und Neuartiges entdecken, weil uns Vertrautes versagt bleiben muss. Mitunter macht uns so etwas Angst, und wir versuchen krampfhaft, diese Erfahrung zu vermeiden und zu umgehen. Die Zuwendung Gottes geschieht sicher manchmal so, dass sie weh tut und Entbehrung von uns verlangt. Sie geschieht aber auch so, dass Gott uns sanft und behutsam lockt und darum wirbt, seine Liebe zeigen zu dürfen.

 

Dietrich Bonhoeffer hat dafür Worte gefunden, die in ihrer Tiefe und Ausdrucksstärke für mich unerreichbar bleiben, wenn er schreibt:

„Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet, so lass uns hören jenen vollen Klang der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, all deiner Kinder hohen Lobgesang.“ (EG 65,5)

Es ist ein Raum jenseits der sichtbaren Welt, der sich um uns herum auftut, wenn uns Gottes Stimme ruft und wir mit unserer Lebensmelodie antworten, die ein Loblied auf ihn ist. Dann erfahren wir uns als einen Klangkörper, als Resonanzraum der Liebe Gottes: im Einklang.

 

Das könnte Dich auch interessieren...