Willkommen!

 Liebe Gemeinde,

der Advent wird gemeinhin als Zeit der Vorfreude und der Vorbereitung auf Weihnachten gesehen. Die weihnachtliche Dekoration kommt wieder zum Vorschein, das Dunkel wird in den Glanz von Lichterketten getaucht, und die Kinder freuen sich am Plätzchen backen. Neben dem Jubel, den der 1. Adventssonntag verkündet, gibt es aber auch die verhaltenen Töne, die den zweiten Adventssonntag bestimmen.

Erlösung ist da das Thema und zugleich das Warten darauf.

Wir Menschen dieser Welt sind nicht die, die wir sein sollten und sein könnten. Und so treten neben die Gedanken des Wartens auch die des Gerichtes.

Auch der Prophet Jesaja (Jes63, 15-64,3) hat die Ankunft des erhofften Messias erwartet, und geht gleichzeitig doch mit diesem Gott ins Gericht. Man kann schon erschrecken, wie kühn er Gott „anmacht“. Da wird nichts schüchtern und demütig verschluckt, sondern eher herausgeschrien, was ihn beschäftigt und verzweifeln lässt: Wo bist du denn, Gott, der du behauptest, immer da zu sein? Warum lässt du uns abirren von deinen Wegen? Eine steile These, die er da aufstellt: Gott ist schuld – an unserer Schuld. Oder – vornehmer ausgedrückt: Gott trägt auch Verantwortung an dem, was ich tue. Meine Freiheit gegen Gottes Wille.

So abwegig das auch klingt, es ist etwas dran an diesem Gedanken. Gott könnte mehr eingreifen in unser Weltgeschehen; verhindern, korrigieren, umlenken. Ja, er könnte es. Aber er tut es offensichtlich nicht.

Es bleibt ein Rätsel, das wohl mit nichts und niemandem zu lösen sein wird. Bis zu dem Tag, an dem alles Warten ein Ende haben wird. Bis dahin bleibt wohl nur, neben allem geschäftigen Umtrieb und glitzernder Verzierung das Ausharren und Staunen: Du, Gott, bleibst uns ein fürsorgendes Rätsel.

Ein Rätsel, das wohl nicht zu lösen ist – außer vielleicht mit dem Versuch, Gott noch größer zu glauben als ich es zu denken vermag. Auch wenn ich vieles nicht verstehen kann, von dem, was um mich herum passiert und was auch durch mich geschieht: Du bist bei uns und gehst mit uns auf allen unseren Wegen. So elend wir uns mitunter auch fühlen, so groß dürfen wir werden in der Gewissheit: Es ist kein Gott außer dir.

Mit diesem Vertrauen möchte ich in die Zukunft gehen und warten auf das, was kommt, wenn der Himmel die Erde berührt.

Es grüßt Sie herzlich Ihre

Birgit Reyher